Donnerstag, 7. November 2013

Ankur Counseling Center

Ankur, die einzige Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche in Nepal.

Text und Bilder von Anne Haller-Karpf
 


Mit großer Spannung ging ich zum ersten Mal zum Ankur Counseling Center in Lalitpur/Kathmandu. Psychologische Beratung für Kinder und Jugendliche in Nepal? Wie wird, wie kann diese Arbeit hier aussehen? Bereits im Flur gibt es Vertrautes. Die verschiedenen Gefühlsbilder begleiten mich in den ersten Stock, in dem die Beratungszimmer liegen. 3 kleine Spielzimmer, ausgestattet mit dem Sandspiel und den dazu gehörenden unzähligen kleinen Figuren, ein paar Stiften zum Malen, Knete, einem Tangram und ein paar Kuscheltieren, sowie ein großer Gruppenraum und ein Büro befinden sich hier. Im Obergeschoss ist ein Zimmer als Bücherei und Büro eingerichtet, daneben liegt die Küche, das Reich von Sancha. Er kocht jeden Tag das nepalesische Nationalgericht Dal Bhat, 2mal die Woche mit gekochtem Reis, 4mal mit ungekochtem Bitten Rice, einer Art von Reisflocken.


Sancha bringt Tee und sorgt für alles, was anfällt. Eine Beratungsstelle mit eigenem Koch, das würde uns zuhause auch gefallen. Chhori Laxmi Maharjan, die Leiterin und Sumitra Dhakal, eine Mitarbeiterin haben ein mit Master abgeschlossenes Psychologiestudium.; dieses hauptamtliche Team wird durch 2 Interns ergänzt, die direkt nach dem Studium ihre praktische Ausbildung in psychologischer Beratung machen. Von Anfang an bin ich beeindruckt von der sehr freundlichen und wertschätzenden Kommunikation der Mitarbeiter untereinander, trotz der strengen Hierarchie; ohne Chhoris Zustimmung wird nichts gemacht und entschieden. Die wichtigste therapeutische Methode in der Einzeltherapie für die Kinder ist das Sandspiel, eine Form analytischer Spieltherapie, die auf die Theorie C.G.Jungs zurückgeht. Im Sandspiel stellen die Kinder ihre innere psychische Situation dar, indem sie mit dem bereitgestellten Material Szenen aufbauen, in denen ihre seelischen Dramen, Konflikte, Probleme und Überforderungen zum Ausdruck kommen. Diesen Prozess begleitet der Therapeut empathisch und hilft dem Kind durch seine Interventionen seine innere Situation zu verstehen, zu bewältigen und Lösungen zu finden. 


Das Sandspiel ist eine weitgehend nonverbale Methode und so geeignet für ein Land, in dem es über hundert verschiedene Kulturen und Sprachen gibt. Manchmal wird dieser spieltherapeutische Prozess durch eine zusätzliche Gesprächspsychotherapie ergänzt. Das Sandspiel wurde bereits 2006 bei der Gründung von Ankur von Dr. Barbara Jones eingeführt und die Leiterin Chhori darin ausgebildet. Eine weitere zentrale Methode ist das group counseling für Kindergruppen von 4-10 Kinder. Die meisten Kinder, die in Ankur psychologische Hilfe erhalten, leben in Kinderheimen, sind Waisen oder getrennt von ihren Familien, die aus den verschiedensten Gründen ihren Kindern keine förderliche (ökonomisch, sozial und emotional) Umgebung bieten können. Die Themen, die in den Gruppen behandelt werden, leiten sich ab aus den Problemen, die sich im Verhalten der Kinder in ihren Heimen zeigen. Ein zentrales Thema ist die Entwicklung von Selbstbewusstsein; Entwicklung von Empathie, Umgang mit Mobbing, Entwicklung von Arbeitsverhalten, Prüfungsvorbereitung, Pubertät, Umgehen mit Stress sind weitere wichtige Arbeitsfelder. Diese Stunden werden sehr sorgfältig mit Elementen der Selbsterfahrung und kognitiver Reflexion von den Interns vorbereitet und durchgeführt, anschließend von den Hauptamtlichen supervidiert. An diesen Sitzungen konnte ich teilnehmen und ich war sehr überrascht, wie akzeptierend, wertschätzend und respektvoll die Kommunikation mit den Kindern ist. Der Focus liegt ausschließlich auf positivem Feed-back. In unseren westlichen Augen störendes Verhalten der Kinder, wie Kaugummiblasen machen, sich wegdrehen, aufstehen, mit einem Kuli spielen wird konsequent übersehen und wird dann im Verlauf der Sitzung zunehmend weniger. In der Gruppe wird von den Kindern und dem Leiter Nepali gesprochen; die für alle ethnischen Gruppen verbindende, gemeinsame Sprache.  In der Schule wird  Nepali in Wort und Schrift gelehrt, neben Englisch, das für viele Schulfächer die verwendete Sprache ist. Es ist jedoch deutlich, dass die Kinder Nepali sehr gut sprechen, ihre Englischkenntnisse sind je nach Alter unterschiedlich entwickelt. Für mich sehr auffallend war, dass Gefühle, Charaktereigenschaften usw. immer mit englischen Worten ausgedrückt werden, sowohl sprachlich, als auch schriftlich. Auf meine Nachfrage erntete ich großes Erstaunen. Weder den Kindern, noch den Leitern war es vorstellbar, emotionale und soziale Inhalte anders als in Englisch auszudrücken. Als ob die nepalesische Sprache kein Vokabular dafür hätte. Zur Erklärung dieses Sachverhaltes habe ich mir folgende Hypothese aufgestellt. Psycholgisches Reflektieren bezieht sich häufig auf individuelles Erleben, ein Ansatz und eine Sichtweise, die uns in unserer indvidualisierten, westliche Welt völlig selbstverständlich ist.  Im nepalischen Denken hingegen, das sich auf Tradition, Religion und Großfamilie als handlungsleitendes Prinzip bezieht, ist diese individualistische Sicht eigentlich eine nicht vorhandene Denkmöglichkeit. Und vielleicht braucht es deshalb die englische Sprache?
 

Aber Ankur hat naoch weitere Aufgaben: Beratung der Hauselten der Kinderheime, Beratung Jugendlicher, die bereits selbstständig ohne Betreuung leben, Beratung der Mitarbeiter und der Mütter im New Life Center (eine Einrichtung für HIV-infizierte Mütter und Kinder), Ausbildung von peer-counselers für Kumlaris (Kumlaris sind freigelassene junge Frauen, die als kleine Mädchen als Arbeitskräfte an Landlords zum Arbeiten verkauft wurden), Fortbildungen für Kindergärtnerinnen, Durchführung von Kursen zu bestimmten Themen (Pubertät, Entspannung Stress, Entwicklung von Sozialverhalten, Entwicklung von Selbstbewusstsein). Was mich sehr verblüfft hat, wie ähnlich die Arbeit mit den Kindern ist: die nonverbale Spieltherapie, die themenzentrierte Gruppenarbeit. Ich selbst habe eine Gruppensitzung mit 17 Kindern mit der Übersetzungshilfe der Mitarbeiter durchgeführt. 




Die Kinder haben ein Memoryspiel gemalt und es anschließend mit größtem Vergügen gespielt. Das Spiel selbst war den Kindern nicht bekannt gewesen. Auch bei dieser Aktion war beeindruckend, wie konzentriert und sorgfältig die Kinder bei der Arbeit waren, wie problemlos ein Wasserfarbkasten und 10 Fasermalstifte geteilt werden können und wie 17 Kinder vertieft um 1 Memoryspiel mit 30 Kartenpaaren sitzen. Obwohl diese Kinder häufig traumatische Erfahrungen erlitten haben, sind ihre sozialen Verhaltenweisen erstaunlich gut entwickelt. 



Und dies ist vielleicht einer der Unterschiede zu unserer Gesellschaft und ihren Auswirkungen auf den Einzelnen: gegenseitiger Respekt und Höflichkeit ist in der nepalesischen Kultur als wichtiges Prinzip tief verankert und wird in Ankur mit seinem wertschätzenden, akzeptierenden Kommunikationsverhalten zum strukturienden Element der therapeutischen Arbeit. Da Ankur als Beratungsstelle eine Einrichtung von NYF ist, deren verschiedenste Einrichtungen durch ein Netzwerk verbunden sind, wird psychologisches Denken, das in Nepal eigentlich noch völlig unbekannt ist, durch Ankur auch in andere NYF-Einrichtungen getragen, z.B. in die Kinderheime, in denen die wöchentlichen Gruppensitzungen als housevisits stattfinden und die regelmäßige Beratung der houseparents. Durch diesen Einfluss wird so eine Lebenswelt für die Kinder geschaffen, die therapeutisch wirksam wird, da sie sehr gegensätzliche Erfahrungen vermittelt zur früheren Lebenswelt der Kinder. Und Nepal als Land im Umbruch zur Moderne erlaubt, trotz (zwar offiziell abgeschafftem) Kastenwesen und großer sozialer Unterschiede bei entsprechender psychologischer Unterstützung zur Bewältigung kindlicher Traumen und entsprechender Möglichkeit zur schulischen Ausbildung erstaunliche Lebensläufe. Viele Fragen bleiben für mich jedoch weiterhin offen. Die kulturellen Eigenheiten wirklich zu verstehen, ist ohne Sprache und längere Teilnahme als die 4 Wochen, die ich in Ankur gewesen bin, nicht möglich. Aber es wurde deutlich, dass "westliche" psychologische Theorien, analytischer Zugang zur inneren Welt der Kinder eine hilfreiche und unterstützende Arbeit für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung benachteiligter Kinder in Nepal darstellt. 


Hier mehr Infos über die nepalyouthfoundation


Andrea Bringmann und streetdogcare

Vor 7 Wochen waren wir zum ersten Mal im Restaurant ¨garden kitchen¨, unweit der großen Stupa in Boudha. Beim Verlassen fielen uns zwei Dinge auf, zum einen das schöne Blumenarrangement in einer mit Wasser gefüllten Kupferschale, zum anderen ein Kästchen mit Visitenkarten. Diese  stachen besonders Albert ins Auge, vor allem wegen des deutschen Namens darauf.



Auch das Thema Straßenhunde hat uns seit unserer Ankunft hier beschäftigt, da diese uns durch ihr Bellen den Schlaf raubten. Auf unsere Nachfrage erfuhren wir, dass auch die Nepalis aus diesem Grund unruhig schlafen und sich gestört fühlen. Gestern mittag sitzen wir beide wieder in der ¨garden kitchen¨ zum Essen und wieder fallen Albert diese Visitenkarten auf. Spontan ruft er die angegebene Telefonnummer an. Im Gespräch mit Andrea Bringmann, der Gründerin von ¨streetdogcare¨, ergibt sich ein persönliches Treffen und die Möglichkeit, das Hundeheim zu besichtigen. Wir verabreden uns für den folgenden Tag, 10:00 Uhr, am Haupteingang zur großen Stupa. Nach Überqueren der großen Straße sind es noch ein paar Meter, dann stehen wir vor dem Eingang, zusammen mit einigen Hunden. 




Im folgenden Gespräch erfahren wir mehr über die Arbeit dieser Organisation. Gründerin ist Andrea Bringmann, die seit mehreren Jahren hier lebt und im Februar 2009 ¨streetdogcare¨ ins Leben gerufen hat. Ihre Motivation ist es, den Straßenhunden rund um die große Stupa zu helfen. Denn diese leben wirklich auf der Straße, haben eigentlich keine Besitzer. Allerdings haben sie ihre Reviere. Wenn z.B. ein Ladeninhaber einen Hund füttert, empfindet der Hund das als sein Revier und verteidigt dies dann auch gegen andere. Eigentümer in unserem Sinne haben sie nicht. Die Hunde selbst bilden wieder Rudel. Nachts sind sie dann unterwegs, wohl um sich warm zu halten oder auch um ihr Revier zu verteidigen. Tagsüber liegen sie in der Sonne und schlafen. Bedroht fühlten wir uns durch diese Hunde nie, es ist eher so, dass sie uns überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen. 





Die Arbeit von ¨streetdogcare¨ besteht darin, sich um kranke, verletzte und verwahrloste Hunde zu kümmern. Dazu halten zwei örtliche Veterinäre und Mitarbeiter des Vereins, inzwischen sind es fünf, jeden Samstag um 14:00 Uhr ein sog. Samstagscamp an einem festen Platz bei der Stupa ab. Inzwischen hat sich dieser Termin bei den Anwohnern herumgesprochen und auch, dass die Hilfe und Versorgung kostenlos ist. Die Hunde werden von ausgebildeten Mitarbeitern behandelt und gepflegt. Wenn ein Hund eine stationäre Aufnahme benötigt, nehmen sie ihn mit. Im Hundeheim wird er dann gepflegt und betreut. Ziel ist, ihn fit zu machen und dann wieder in seine vertraute Umgebung zu entlassen. Der wichtigste Grundsatz bei der Arbeit besteht darin, kein Tier zu töten. In der Zwischenzeit haben sich sogar einige Adoptionen ins Ausland ergeben. So sehen wir zwei Transportboxen, die für den Flug in die Schweiz und nach England vorbereitet werden. Das Gelände, auf dem das Hundeheim steht, bekommt der Verein zur kostenlosen Nutzung überlassen. Der Besitzer ist auch der Inhaber eines nahen Restaurants, dessen Essensreste er ebenfalls zur Verfügung stellt. 




Darüber hinaus finanziert sich der Verein durch Spenden, durch den Verkauf von Taschen, T-Shirts und Kalender. Neu ist, dass Freiwillige aus aller Welt, auch aus Nepal, hier für eine gewisse Zeit tätig sind. Oft sind dies Tierarztstudenten aus Europa oder Übersee. Aktuell sucht Andrea einen hauptamtlichen Manager für das Hundeheim. Interessenten melden sich bitte bei der angegebenen Adresse. Der Besuch des Hundeheims und das Gespräch mit Andrea haben bei uns beiden bewirkt, dass wir die Situation mit den Hunden rund um die Stupa nun mit ganz anderen Augen sehen. Auch die Anwohner sind durch diese wichtige Arbeit inzwischen sensibler in ihrer Wahrnehmung bezüglich verletzter oder hilfebedürftiger Hunde. Alle Mitarbeiter von ¨streetdogcare¨ leisten wirklich Erstaunliches und Bewundernswertes!
 

Und hier der link: streetdogcare




Nachtrag:
Es ist Samstagnachmittag. Um 14:00 Uhr gehen Albert und ich zu der Stelle vor der großen Stupa, wo jeden Samstag um diese Uhrzeit einige Mitarbeiter von streetdogcare ein sog. Camp abhalten. Dies sind im Regelfall zwei Tierärzte von hier und volunteers. Wir nähern uns der beschriebenen Stelle und bemerken als erstes den bunten Sonnenschirm, den wir hier noch nie gesehen haben. Und wir haben in den letzten Tage so manche Runde hier gedreht. Zudem eine Menge Menschen, die sich dort versammeln.
   

Beim Näherkommen merken wir schnell, dass dies der Stand und das Camp von streetdogcare ist. Wir erkennen auch eine Mitarbeiterin wieder, die sich gerade von einem der Hunde verabschiedet, der für eine Woche in Pflege war und nun wieder in sein Revier vor der Stupa gebracht wird.


Viele Leute bleiben stehen, schauen interessiert der Behandlung zu und spenden auch. Insgesamt ist die Begegnung mit Andrea Bringmann und den Mitarbeitern von streetdogcare eine eindrückliche Erfahrung für uns. Dadurch erleben wir nun die Hunde hier im Bereich der Stupa aus einer ganz anderen Sicht.
Guten Erfolg weiterhin!








Mittwoch, 6. November 2013

World Mental Health Day 2013

Text und Bilder von Anne Haller-Karpf 



Der Welttag seelischer Gesundheit findet weltweit jährlich am 10. Oktober statt (ins Leben gerufen von der World Federation of Mental Health mit Unterstützung der WHO), um auf die Belange von psychisch erkrankten Menschen aufmerksam zu machen und um das Bewusstsein für die Bedeutung seelischer Gesundheit zu schärfen. Beinahe 12% der Weltbevölkerung leiden an psychischen Problemen, einer von 4 Menschen ist davon betroffen. Vor allem in Ländern mit niedrigem Einkommen fehlt es an Wissen und Aufklärung über seelische Erkrankungen und vor allem an finanziellen Möglichkeiten zur Diagnose und Behandlung. 





In Nepal haben sich über 20 verschiedene Einrichtungen zusammengeschlossen, um mit einer Demonstration und Kundgebung auf die Missstände aufmerksam zu machen. Im Rahmen meiner Arbeit als volunteer bei Ankur konnte ich an der diesjährigen Demonstration teilnehmen. Der Zug nahm seinen Ausgang bei einer buddhistischen Stupa und führte zum größen Heiligtum der Hindus nach Pasupathinat. Sicherlich keine zufällige Wahl, da beide Religionen im Bewusstsein und im Alltag der nepalesischen Bevölkerung eine große Rolle spielen. Das Thema des diesjährigen Welttages "Psychische Gesundheit und ältere Menschen" wurde durch eine pantomimische Darstellung bei der Abschlusskundgebung beeindruckend in Szene gesetzt. 



In Nepal gibt es außer für Beamte keine Renten und außer einer Art von Sterbeheim im Tempel Pasupathinat gibt es keine Altersheime zur Versorgung. Die Kinder versorgen ihre Eltern im Alter im Rahmen der Großfamilie. Aber natürlich kommt es aus den unterschiedlichsten Gründen zu manchen Missständen in diesem System: die alten Menschen leiden unter psychischer Vernachlässigung, sozialer Isolation und mangelnder körperlicher Versorgung.  





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Freitag, 1. November 2013

Endlich Berge!

Wir wollen endlich die Berge sehen. Nach einigen Tagen hier in Pokhara spricht Albert nur noch von den Phantombergen. Heute fliegen wir nun nach Jomsom! Um fünf Uhr müssen wir aufstehen, packen, schnelles Frühstück auf dem Zimmer. Ein paar der kleinen, leckeren Bananen, die man an jeder Straßenecke kaufen kann, dazu ein trockenes Hefehörnchen, das man hier Croissant nennt. Der Nachtportier organisiert uns ein Taxi, bei Dunkelheit kommen wir an dem kleinen Flughafen von Pokhara an.
 


In der kleinen Abfertigungshalle warten wir darauf, dass einer der kleinen Schalter öffnet. Leute kommen, Leute gehen, schleppen große Mengen an unförmigen Gepäckstücken heran. Das alles soll in eines dieser kleinen Flugzeuge? Eine junge Frau setzt sich hinter einen der Schalter, es geht los. Das übliche Gedränge, alle haben es wichtig. So einfach geht das aber nicht: Auf einmal müssen wir alle noch eine Flughafensteuer bezahlen, also ab zu einem anderen Schalter. Dann wieder zurück, Gepäck wiegen lassen, security-check, auf einmal geht alles ganz schnell. Draußen brummt es laut, ein kleines Flugzeug landet. Wir gehen aufs Rollfeld, Gepäck wird ausgeladen, unseres eingeladen und das Flugzeug wird betankt. Dann dürfen wir ins Flugzeug steigen, ganz schön eng hier drinnen. 15 Passagiere und eine Stewardess quetschen sich auf die Plätze. Und los! Bald sehen wir die schneebeckten Berggipfel, die wir von Pokhara aus nie gesehen haben, Alberts Phantomberge. Unglaubliche Ausblicke aus der kleinen Fensterluke!




Ein paar Wackler, nach ca. 20 Minuten sind wir auf 2770m Höhe gelandet. So hoch wie das Stilfser-Joch in den Alpen. Schade, wir haben uns gerade an das Fliegen gewöhnt. Die Sonne knallt, die Schneegipfel ragen steil und spitz in den blauen Himmel! Dhaulagiri und Nilgiri Himal können wir sehen, denn entgegen aller Vorhersagen empfängt uns Jomsom mit dem besten Wetter. Bei der Gepäckausgabe entdecke ich, dass Albert doch wirklich eine elektrische Handhobelmaschine mitgenommen hat. Ob er hier oben eine Schreinerei eröffnen will?




Vor dem Flughafengebäude steht eine Gruppe von Männern, die uns ihre Dienste als Träger anbieten. Wir einigen uns mit einem jungen Mann, der unsere Rucksäcke nach Kagbeni tragen wird. Bevor wir uns auf den Weg machen, genehmigen wir uns noch ein zweites Frühstück und eine kleine Wegzehrung im Hotel Xanadu. Hier soll schon im Oktober 1967 Jimi Hendrix als Gast gewesen sein. Kaffee und Apfelkuchen jedenfalls sind lecker, auch ohne große Namen. Und die neue Pudelmütze wärmt! In der nichtgeheizten Gaststube sind vielleicht 4 oder 5 Grad... plus immerhin.





Wir laufen durch Jomsom, ein nettes großes Dorf an dem einzigen Flughafen hier oben im Kali Gandakital. Dann beginnt der Weg durch das weite Tal, staubig und voller Steine. Kaum zu glauben, dass man hier mit dem Auto oder Motorrad fahren kann. Uns kommen immer wieder Träger entgegen, welche die Unmengen an Gepäck der Trekker tragen. Unglaubliche Lasten werden da geschleppt. Unser Weg geht eben, manchmal leicht bergan. Allmählich bläst uns der gefürchtete Wind immer stärker in den Rücken. Dieser starke Wind, der hier täglich zwischen 10:00 Uhr und 11:00 Uhr einsetzt und dann immer stärker wird. Er bläst talauf, gut für uns; aber schlecht für alle, die uns entgegenkommen.






Der Wind trägt unglaubliche Mengen an Staub mit sich. Es wird noch schlimmer, wenn uns Fahrzeuge überholen! Unser Träger ist sehr um uns besorgt; immer wieder hält er an, fordert uns auf, Wasser zu trinken. Bei schwierigen Passagen hilft er Albert. Wirklich sehr umsichtig und fürsorglich. Nach 3 1/2 Stunden erreichen wir unser Tagesziel Kagbeni, die New Asia Lodge. Wir beziehen ein nettes Zimmer, dann ab ins sogenannte Solarium. Darunter versteht man hier Zimmer im Obergeschoss, die großflächig verglast sind und somit sehr sonnig und warm sind. Geheizt wird hier oben nämlich nicht! Und es ist ganz schön frisch hier, verstärkt durch den tobenden Wind! Bei einem kleinen lunch kommen wir mit unserem Träger ins Gespräch. Mit vollem Namen heißt er Hira Poun Magar. Er ist 33 Jahre alt, nicht verheiratet. 


Er kommt aus dem kleinen Bergdorf Mudi, weiter unten im Tal. Nach eigener Aussage hat er die Schule nicht lange besucht, schon in jungen Jahren arbeitet er auf dem kleinen Bauernhof seiner Eltern mit, zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester. So vor 10 oder 12 Jahren legt er eine Prüfung ab, so dass er nun als Träger arbeiten kann. Dazu muss er auch einen englischen Sprachnachweis abliefern. Die Saison dauert ungefähr sieben Monate, in dieser Zeit bietet er seine Dienste vor dem Flughafen in Jomsom an. Die Treks, zu denen er dann verpflichtet wird, sind unterschiedlich lang. Ein Tag wie bei uns, dann auch längere, mehrwöchige Touren. Manchmal wird er auch von Reiseveranstaltern verpflichtet. Aber es gibt auch Tage ohne Arbeit. Außerhalb der Saison arbeitet er dann entweder bei seinen Eltern oder macht andere Aushilfstätigkeiten. Witzig ist seine Aussage, dass die koreanischen und russischen Touristen das schwerste Gepäck haben. Da sind unsere kleinen Rucksäcke wohl nicht zu viel, obwohl Albert und ich uns schon Gedanken darüber machen, dass wir beide unser Gepäck von einem anderen tragen lassen. Auf jeden Fall bleibt Hira uns beiden als sehr aufmerksamer, fürsorglicher und einfühlsamer Mann in Erinnerung.




Kagbeni liegt auf 2800m, ist ein verschlafenes, kleines Bauerndorf, mit engen Gassen. Hier gibt es viel zu entdecken, wie in einem Freilichtmuseum. Am anderen Ortsende von Kagbeni ist auch der Kontrollpunkt für den Übergang nach Upper Mustang. Unser permit ist nur für das Annapurnagebiet gültig, so dass wir die Kontrolle nicht passieren dürfen.